Von der Weide auf den Teller

Sorgfältige Kontrollen für «gsundi Tier, gsundi Lüüt»

Damhirsche

In Zürcher Ställen und auf den Weiden werden nicht nur Kühe, Schafe und Ziegen gehalten: Kamele, Hirsche oder Strausse gehören heute genauso zu den Nutztieren. Das Veterinäramt erteilt Bewilligungen für diese Tierhaltungen, berät, führt Kontrollen durch und ergreift die notwendigen Massnahmen, wenn die Mindestnormen nicht erfüllt werden. Kommen Sie mit auf eine Routinekontrolle.

Vom Veterinäramt an der Zollstrasse beim Hauptbahnhof ist es eine knappe Stunde Fahrzeit bis nach Benken im Weinland. Dort hält Theodor Strasser seit rund zwei Jahren Damhirsche. Die Bewilligung für diese gewerbliche Wildtierhaltung hat das Veterinäramt erteilt. So verlangt es die Eidgenössische Tierschutzverordnung. Diese schreibt auch jährliche Routinekontrollen vor. Es ist ein grosser Aufwand für das Veterinäramt, all die Kontrollen durchzuführen. Hirsche, Kamele, Frettchen, Strausse, Wachteln, Reptilien – die Palette an bewilligungspflichtigen Haltungen im Kanton Zürich ist breit. «Regelmässige Kontrollen sind wichtig, damit wir Mängel rasch aufdecken und nicht erst auf Missstände aufmerksam werden, wenn die Tiere schon lange leiden», erklärt Ruth Baumgartner, stellvertretende Kantonstierärztin.

Nach 19 Jahren im Veterinäramt weiss die ehemalige Zootierärztin genau, worauf sie achten muss: Ist die Hygiene ausreichend und der Umgang mit den Tieren angemessen? Entspricht die Infrastruktur noch den Vorgaben? Was wird verfüttert und werden Medikamente gebraucht? «Ein wichtiger Teil ist das Beobachten der Tiere. Wie sehen sie aus: Fell, Körperbau, Gangart? Wie verhalten sie sich untereinander? Und wie reagieren sie auf Menschen?»

Sehen Sie hier, wie Tierärztin Ruth Baumgartner die Kontrolle beginnt.

Theodor Strasser weiss, wie er seine 24 Damhirsche anlocken kann: mit Schösslingen von seinen Reben. Die Tiere kommen rasch näher, vor allem die einjährigen Männchen lassen sich von der Neugierde treiben. Man merkt, dass sie Menschen gewohnt sind, dem Halter vertrauen. So fällt es der Tierärztin leicht, den allgemeinen Gesundheitszustand zu beurteilen. Sie ist zufrieden. Auch der Kot am Boden ist ein Indiz dafür, dass es den Tieren gut geht. Kein Wunder, bei der Speisekarte...

Erfahren Sie von Theodor Strasser, was er seinen Damhirschen füttert.

Dass seine Tiere gutes Futter bekommen, muss dem Halter allein deshalb wichtig sein, weil er selber beim Wildschmaus das Fleisch geniesst. Auch dazu stellt die Tierärztin Fragen: Wer schiesst die Tiere? Von wo aus? Ist die Umgebung sicher, wenn geschossen wird? Wer schlachtet und bereitet das Fleisch auf? Alles wichtige Fragen, wenn das Ziel im Kanton Zürich heisst: «Gsundi Tier, gsundi Lüüt.»

Von der Weide auf den Teller: Theodor Strasser erzählt, was aus seinen Damhirschen wird.

Der Fleischertrag ist nicht der einzige Grund, weshalb Theodor Strasser seit rund 2 Jahren Damhirsche hält: «Anders als Kühe, Schafe oder Ziegen sind diese Tiere geruchsneutral. Wenn ich meinen Kunden auf dem Gut Wein ausschenke, soll ihnen nicht als erstes der Geruch vom Kuhstall in die Nase stechen.» Eine clevere Kombination: Wein und Wild. Aber auch eine anspruchsvolle. Das Wissen rund um seine Damhirsche musste Theodor Strasser bei der sogenannten fachspezifischen, berufsunabhängigen Ausbildung (FBA) erwerben. Seit Herbst 2008 ist diese für Hirschhalter obligatorisch. Ziel der Ausbildung ist, dass jeder Tierhalter die Ansprüche und Eigenheiten seiner Tierart kennt, damit er sie tiergerecht halten, richtig ernähren und verantwortungsbewusst züchten kann. Die Ausbildung umfasst sechs Theorietage und Praxis in Form eines Mentorats. Innerhalb eines Jahres gilt es mindestens 40 Praxiseinsätze bei einem erfahrenen Halter zu absolvieren.

Theodor Strasser berichtet vom Wert seines Mentors.

Mit zehn Tieren hat Theodor Strasser seine Haltung 2013 begonnen, unterdessen sind es 24. Die Gruppe soll noch um etwa zehn Tiere wachsen. Der Tierbestand muss genau dokumentiert werden: Wann kommt ein Tier dazu, wann verlässt es die Herde wieder? Ruth Baumgartner wirft zum Schluss ihrer Kontrolle einen Blick darauf. Neben Platzhirsch Ruedi gibt es zurzeit sechs Männchen – alles einjährige Spiesser. Dazu 17 Weibchen, einige darunter trächtig.

Zum Schluss ein bisschen Papierkram: Besprechen des Tierbestandes.

Zu beanstanden hat die stellvertretende Kantonstierärztin bei dieser Routinekontrolle gar nichts. Den einen oder anderen Tipp gibt sie dem Halter aber gern auf den Weg: «Ein Kälberschlupf wäre gut, also ein Ort, wo nur die kleinen Tiere reinschlüpfen können. So hätten sie eine Rückzugsmöglichkeit, um ungestört zu fressen.» Auch eine Frage für den nächsten Austausch mit dem Mentor steht am Ende der Kontrolle fest: Wie kann ein neuer Bock in die Herde eingeführt werden? Die Nachfolge von Platzhirsch Ruedi will rechtzeitig bestellt sein.

Man sieht der erfahrenen Tierärztin an, dass ihr so positive Routinekontrollen Freude bereiten. Bei ihren zahlreichen Einsätzen bekommt sie auch ganz anderes zu sehen: Mangelhafte Infrastruktur, Verletzungsgefahren, ungenügende Hygiene, überbordende Haltungen. «Gerade die Nischentierhaltungen – Hirsche, Straussen, Wachteln – werden oft unterschätzt. Man meint, es sei cool, so etwas zu beginnen und vergisst, dass es tägliche Arbeit bedeutet.» Es ist ihr deshalb ein persönliches Anliegen, die Leute aufzuklären. Das Veterinäramt kontrolliert nicht nur; es informiert, berät und unterstützt.