Tierschutz: Theorie & Praxis

Die armen Tiere in der Wohnung von Familie H.

Unterwegs mit einer amtlichen Tierärztin

Als Tierhalter tragen Menschen eine grosse Verantwortung: Das Wohl eines Lebewesens hängt von ihnen ab. Mangelnde Haltung und Vernachlässigung haben oft mit Unwissen und Überforderung zu tun. Deshalb wird das Veterinäramt aktiv, wenn jemand eine auffällige Haltung meldet. Die Kontrollen vor Ort sind für beide Seiten schwierig: Die betroffenen Menschen in ihrem Zuhause, aber auch für die amtlichen Tierärzte.

Überall Käfige mit Tieren
Überall Käfige mit Tieren

Die Meldungen ans Veterinäramt sind zahlreich: Vernachlässigung, Mangelernährung, Platzprobleme, Schmutz – solche Tierhaltungen fallen auf und werden gemeldet. Von Privatpersonen oder von amtlichen Stellen. Im Fall von Frau H. war es Schutz und Rettung Zürich. Die Ambulanz wurde gerufen, weil der ältere Herr H. einen Herznotfall erlitt. Eine Mitarbeitende meldete dem Veterinäramt: Fürchterlicher Gestank und zahlreiche Tierkäfige mit Nagetieren und Reptilien. Das Tierschutz-Team erfasste den Fall und bemerkte, dass die Haltung bereits vor zwei Jahren aufgefallen war. Ein erneuter Besuch steht an.

14 Uhr, Zürich, Kreis 4
Aufgrund der Vorgeschichte hat die zuständige amtliche Tierärztin entschieden, dass sie für diesen Einsatz Unterstützung braucht: Die Polizei und ein Team von der Tierrettung Zürich sind aufgeboten. Heute ist bereits der zweite Anlauf, das letzte Mal hatte niemand geöffnet. Die Wohnung im Dachgeschoss scheint belebt, Vogelgezwitscher dringt durch die Tür. Was geht der jungen Tierärztin durch den Kopf? «Wenn die Polizei dabei ist, habe ich keine Angst. Aber etwas mulmig ist mir schon zumute; man weiss ja nie, wie die Leute reagieren.»

Klingeln, Klopfen, Warten, Rufen: «Aufmachen, Polizei!». Endlich geht die Tür auf. Uringestank schlägt einem entgegen, die Erinnerung an die grässlichste Bahnhoftoilette kommt hoch. Zwei Frauen sind zuhause: Die ältere Frau H. und die Tochter. Sie lassen die Tierärztin einen Blick in alle Räume der 4-Zimmerwohnung werfen. Der stechende Uringestank hätte Schlimmeres erwarten lassen: Die zahlreichen Tierkäfige wirken zwar nicht sauber, aber der Dreck hält sich in Grenzen. Da und dort liegt Einstreu und Stroh auf dem Teppich – wahrscheinlich vom Kaninchen, das frei herumhoppelt. Und der Gestank kommt aus den drei mannshohen Rattenkäfigen.

Rattenkäfig ohne schmutzige Tiere
Hygiene- und Geruchsprobleme

Ein Grenzfall, eine zweite Chance
Nach kurzer Sichtung verlässt die Tierärztin die Wohnung für einen Anruf im Amt; es ist ein Grenzfall. Mit ihrem Vorgesetzten entscheidet sie, dass es eine zweite Chance gibt: «Wir nehmen keine Beschlagnahmung vor. Ich kontrolliere jedes Tier und mache Ihnen Auflagen wo nötig», erklärt sie den beiden Frauen. Sie nicken, sagen kaum etwas. Die Polizei kann gehen, jetzt kommen die beiden Mitarbeiterinnen von der Tierrettung zum Einsatz. Sie helfen, jedes einzelne Tier zu untersuchen. Die drei grossen Rattenkäfige werden die grösste Herausforderung: die Verstecke sind zahlreich, die Tiere wahrscheinlich auch. Aber noch ist unklar, wie viele Tiere es tatsächlich sind. «Ich habe sie nicht gezählt», meint die Halterin schulterzuckend.

Ausgetrocknetes Terrarium der Frösche

«Der Laubfrosch hat viel zu trocken»
Erster Käfig, die drei Profis arbeiten eingespielt: Das Team der Tierrettung fängt eine Ratte nach der anderen ein. Die Tierärztin schaut jedes Tier genau an, bestimmt das Geschlecht, notiert Auffälligkeiten, macht ein Foto. 28 Ratten sind es insgesamt. Fast alle übergewichtig. Fünf mit knatternden Atemgeräuschen. Zwei mit einem Tumor. Eine wahrscheinlich blind, eine andere mit Kopfschiefstand. Mit diesen Tieren muss die Halterin zum Tierarzt. Sie versichert, sie nehme das ernst, vereinbare gleich Termine.

Nach den Ratten die beiden Meerschweinchen: Sie sehen gesund aus – bis auf die Krallen. Die sind so lang, dass sie sich kringeln. Schneiden, so die Auflage. Weiter mit den Gold- und Zwerghamstern: Auch sie machen einen guten Eindruck, haben aber zu wenig Einstreu, um sich zu vergraben. Eine weitere Auflage wird notiert. Die beiden Kaninchen haben je ein Problem mit den Augen. Auch da: Tierarzt.

Nach den Nagern werden die Vogelkäfige kontrolliert. Sie sind zahlreich und beherbergen Zebrafinken, Wellen- und Nymphensittiche, Kanarienvögel und ein Singsittich-Paar, das brütet. «Alle Käfige putzen», so die Auflage. Auch die Terrarien mit Fröschen, diversen Geckos und Echsen müssen gereinigt werden. «Der Laubfrosch hat viel zu trocken», stellt die Tierärztin fest. Auch das muss besser werden. Einzig beim Aquarium mit den Fischen gibt es nichts zu beanstanden.

kranke Ratten
Kranke Ratten

Im Einsatz für Tier und Mensch
Nach fast drei Stunden kann das Team der Tierrettung zusammenpacken, die Tierärztin bleibt alleine in der Wohnung und bespricht mit Frau H. alle Unterlagen, erklärt die Auflagen. Eine Frist von gut zwei Wochen wird gesetzt. Bis dann müssen die Tierarztbesuche nachgewiesen sein und irgendwann erfolgt die nächste Kontrolle vor Ort. Die Halterin unterschreibt jedes Blatt. Ob sie alles lesen kann, ist unklar. Sie und ihre Mutter wirken ungebildet. Die Tiere sind nicht der einzige Grund zur Sorge: «Wie können Menschen in einem solchen Gestank leben?». Die Tierärztin ist froh, dass sie nach gut drei Stunden die Wohnung verlassen kann. Der Uringestank ist bereits in die Haare und Kleider gedrungen – sie sehnt sich nach einer Dusche und frischer Kleidung. Mit traurigem Blick meint sie: «Jetzt bemühen sie sich eine Weile. Und dann? Arme Tiere.» 

Das Gesetz gibt nur ein Minimum vor; diese Haltung ist nicht so problematisch, dass sie aufgelöst werden müsste. Der nächste Schritt könnte eine Begrenzung des Tierbestandes sein: «So viele Tiere – vor allem 28 Ratten – sauber und gesund zu halten, das ist eine grosse Aufgabe. Ich allein könnte so vielen Tieren auch nicht gerecht werden .» Sie ist verständnisvoll, die amtliche Tierärztin. Und sie weiss: Ihr Einsatz ist immer für Tier und Mensch. Sie vollzieht nicht einfach ein Gesetz, sie berät, unterstützt, hilft. Der Fall H. wird sie noch eine Weile beschäftigen...